Archiv für September, 2014

Georg Baselitz (Hans-Georg Kern) wurde 1938 in Deutschbaselitz bei Dresden geboren und wuchs in der DDR auf. Nachdem er wegen „gesellschaftlicher Unreife“ von der Kunstakademie Ostberlin suspendiert wurde, bewarb er sich an der Westberliner Akademie. 1958 zog er nach Westberlin und schloss 1962 dort sein Studium ab. In dieser Zeit legte er sich nach seinem Geburtsort den Namen Baselitz zu.

Das Haus der Kunst in München präsentiert derzeit eine umfassende Baselitz-Einzelausstellung, die Arbeiten aus fünfzig Jahren einer eingehenden Analyse unterzieht. Im Mittelpunkt stehen wiederkehrende Motive und Themen wie die Figur und der Adler, die Doppelfigur sowie das Porträt, die für Baselitz‘ künstlerische Entwicklung wesentlich waren: die neueren Werkgruppen der „Schwarzen Bilder“ sowie der monumentalen Bronzeskulpturen, deren formalen und thematischen Ursprüngen im früheren Werk nachgegangen wird.

Georg Baselitz - Damals, dazwischen und heute (Ausstellungsansicht)

Georg Baselitz – Damals, dazwischen und heute (Ausstellungsansicht)

In den „Schwarzen Bildern“ hat Baselitz seine Bildsprache weiter radikalisiert: Ziel ist die Eliminierung jedes sichtbaren Kontrasts. Gemälde aus den Jahren 1965 bis 1977 lassen bereits zentrale Gegenstände erkennen, die in Baselitz‘ weiterer Laufbahn eine fundamentale Rolle spielten und auf die er immer wieder zurückkam. „Porträt Elke I“ (1969) ist das erste Bildnis seiner Frau.

In „Fingermalerei-Adler“ (1972) taucht das Adlermotiv zum ersten Mal auf. Baselitz‘ Vorliebe für dieses Motiv ist immer bestehen geblieben und prägt noch seine jüngeren Werke. Kein anderes Tiermotiv innerhalb seiner Ikonografie wurde öfter und facettenreicher behandelt.

2005 begann Baselitz an seiner ‚Remix‘-Serie zu arbeiten, welche diese Schlüsselmotive aufgreift. Die Bilder vollführen einen Zeitsprung zum Ende des letzten Jahrzehnts. Baselitz zitiert hier einerseits auf paradigmatische Weise aus den Helden-Arbeiten, andererseits ist die Entwicklung seiner bildnerischen Methode einer Beschleunigung formaler Ressourcen unterworfen, die einen völlig neuen Zugang zu früheren Themen erlaubt. „Moderner Maler“ ist in der Remix-Version mit Hakenkreuz-Motiv im Stil von Piet Mondrian kombiniert, wobei die ikonische Bedeutung dieses Motivs in der modernen Kunst in gewisser Weise seinen ideologischen Missbrauch durch die Nazis quasi ‚kompensiert‘.

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In der Serie von Arbeiten, die als Negativ-Bilder bezeichnet werden, kehrt Baselitz nicht nur den Gegenstand um, sondern auch die Farbwerte. Diese Darstellung als fotografisches Negativ führt zu einer zusätzlichen Umkehrung des Bildes in Bezug auf die ’natürliche‘ Wahrnehmung seines Motivs. Die schwarzweißen Negativ-Bilder steigern den Grad der Abstraktion bereits in dreierlei Hinsicht. Damals hatte Baselitz das Potential der Entfremdung der äußeren Erscheinungsform des Gegenstands und die Möglichkeiten seiner bildnerischen Repräsentation fast schon ausgeschöpft. Das Selbstporträt „Zero“ (2004) zeigt eine schlichte, unprätentiöse Ansicht, die in starken, ruhigen Pinselstrichen in einer Mischung differenzierter Grauwerte umgesetzt ist.

Ausstellungsdauer: 19.09.14 bis 01.02.2015

Website: www.hausderkunst.de

ArtKiss-Besuch: 23.09.2014

ArtKiss-Wertung:
5 Sterne: Ein Muss. Unbedingt anschauen!

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Die P/ART bezeichnet sich als eine Produzentenkunstmesse für unabhängige Künstler und Künstlerinnen und als eine Plattform für die Verschmelzung von Kunsthandel und Kunstdiskurs. Wer sich genau als „unabhängiger“ Künstler bezeichnen darf, bleibt unklar – auf jeden Fall werden einige der ausstellenden Künstler auch von Galerien vertreten.

Nachdem die P/ART im vergangenen Jahr im Hamburger Kolbenhof stattfand, wurde die P/ART 14 auf einer 4000 qm großen, brachliegenden Industriefläche in unmittelbarer Nachbarschaft der Sammlung Falkenberg ausgerichtet. Bespielt wurden zwei denkmalgeschütze Gebäude aus dem Jahr 1905 auf dem Werksgelände der Phoenixhallen. Ein Ausstellungsrundgang führte die Besucher durch die verschiedenartig ausgebauten Hallen. Die Location wirkte allerdings sehr heruntergekommen und teilweise konnte man nicht unterscheiden, ob es sich um ausgestellte Kunst oder Überbleibsel der einstigen Fabrik handelte.

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Insgesamt war die Qualität der meisten Kunstwerke – mit wenigen Ausnahmen – eher mäßig. Das überraschte, da der Veranstalter doch mit einer Jury unter 600 Bewerbungen 80 Künstler ausgewählt hatte, die ihre Arbeiten aus den Bereichen Malerei, Skulptur, Installation, Performance, Fotografie und Film präsentieren durften. Da Besucher die Kunstwerke nicht nur betrachten, sondern auch kaufen konnten, zeigten die nur sehr vereinzelt zu findenden Punkte, dass die weit überwiegende Mehrheit der Kunstwerke wieder zurück in die Ateliers bzw. Galerien gebracht werden mussten. Das kann aber auch ein den teilweise üppigen Preisen gelegen haben, mit denen die Werke ausgezeichnet waren.

Ausstellungsdauer: 11.09.2014 bis 14.09.2014

Website: www.producersartfair.com

ArtKiss-Besuch: 14.09.2014

ArtKiss-Wertung:
2 Sterne: Wenn man nichts besseres zu tun hat…

Gianfranco Baruchello: Certain Ideas. RetrospektiveDie Deichtorhallen Hamburg zeigen in der Sammlung Falckenberg gemeinsam mit dem ZKM/Karlsruhe die erste große Retrospektive des 89-jährigen italienischen Künstlers Gianfranco Baruchello in Deutschland. Baruchellos Arbeiten waren unter anderem mehrfach auf der Biennale in Venedig (zuletzt 2013) und der dOCUMENTA (1977 und 2012) zu sehen, sind aber im deutschsprachigen Raum bisher wenig bekannt.

Die Ausstellung zeigt knapp 150 Werke von 1957 bis 2014, darunter auch Filme und raumgreifende landwirtschaftliche Kunstprojekte wie das Giftpflanzenbeet.

Baruchellos künstlerische Handschrift gründet auf der Spannung zwischen ausgeschnittenen Bildelementen und Wortfetzen, zwischen dreidimensionalen Objekten und der reinen Malerei, mit der er seine Werke teilweise oder auch vollständig überdeckt. Seine Bildwelten konstituieren sich in den Leerräumen zwischen handschriftlicher Zeichnung und figurativer Enzyklopädie.

Impudique Venus, 1979. Mixed media on two layers of plexiglass (8 mm each) on cardboard, aluminum. 40.5x40.5x6.5 cm. Fondazione Baruchello, Rome. © Gianfranco Baruchello

Impudique Venus, 1979. Mixed media on two layers of plexiglass (8 mm each) on cardboard, aluminum. 40.5×40.5×6.5 cm. Fondazione Baruchello, Rome. © Gianfranco Baruchello

1924 in Livorno geboren, widmete sich Gianfranco Baruchello nach einem Studium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften und einer Anstellung in der Gesellschaft zur chemisch-biologischen Erforschung und Produktion erst Ende der 50er Jahre der Kunst. Er experimentierte mit der Leinwand als Bildträger und komponierte Objekte mit recycelten gefundenen Materialien, ab 1962 entstanden Bilder auf großen Leinwänden. Auf weißen Oberflächen platziert Baruchello sporadische Farbspuren, vage Formen und einzelne Linien. In diesen Jahren lernt Baruchello auch Marcel Duchamp kennen, mit dem ihn eine lange Freundschaft verbindet.

Déserteur de la Légion [Deserter from the Légion], 1974 Mixed media, cardboard, blue jeans, 1964 pocket diary, small wooden ladders, notebook, objects, wood, glass. 50x70x16 cm. Fondazione Baruchello, Rome. © Gianfranco Baruchello

Déserteur de la Légion [Deserter from the Légion], 1974 Mixed media, cardboard, blue jeans, 1964 pocket diary, small wooden ladders, notebook, objects, wood, glass. 50x70x16 cm. Fondazione Baruchello, Rome. © Gianfranco Baruchello

Baruchellos Tendenz, sich mit seiner Kunst zunehmend von jeglicher unmittelbaren Interpretierbarkeit zu lösen, verstärkt sich im Laufe der sechziger Jahre, indem er seinen Gemälden mehr und mehr dreidimensionale Elemente und Collagen beifügt: Winzige Figürchen, kleine Objekte, Werkzeuge und Maschinenteile, Zeitungsausschnitte, Landkartenfetzen, Druckgrafiken. Die konsequente Weiterentwicklung mündet in den Schaukästen-Assemblagen, die Baruchello mit zusammengeklebten und aufgestellten Papierfigurinen belebt oder mit Landkartenausschnitten tapeziert.

Ausstellungsdauer: 14.06.2014 bis 28.09.2014

Website: www.deichtorhallen.de

ArtKiss-Besuch: 14.09.2014

ArtKiss-Wertung:
4 Sterne: Sehenswert!

Pinned Up at the Stedelijk - 25 Years of Design

Pinned Up at the Stedelijk – 25 Years of Design

Das Amsterdamer Stedelijk Museum präsentierte Marcel Wanders, einen der profiliertesten Designer, die es international gibt. Er ist bekannt für seine Produkte (Lampen, Geschirr, Besteck, Tapeten, Verpackungen und Schmuck), Möbel und Interior Design. Die Ausstellung „Pinned“ zeigte Entwürfe von Wanders‘ Gesamtwerk, von den späten 1980er Jahren bis zur Gegenwart – insgesamt mehr als 400 Objekte.

Marcel Wanders - Ausstellungsansicht - Courtesy of the artist

Marcel Wanders – Ausstellungsansicht:
Pinned Up at the Stedelijk – 25 Years of Design – Courtesy of the artist

Alle berühmten Hauptwerke Wanders wurden vorgestellt, wie z. B. die Set Up Shades Lampe (1989), Knotted Chair (1995-1996, mit ihm gelang Wanders der internationale Durchbruch), Lace Table (1997), Egg Vase (1997), Airborne Snotty Vasen (2001), den New Antiques Möbel (2005) und die Skygarden Lampe (2007).

Der Titel der Ausstellung, „Pinned“, bezieht sich auf den Anspruch von Marcel Wanders und seiner Arbeit: „hochgesteckt“. Marcel Wanders hat Entwürfe für international renommierte Marken kreiiert, u.a. für Alessi, Cosme Decorte, Target, Puma, Baccarat, Marks & Spencer und KLM.

Ausstellungsdauer: 01.02.2014 bis 15.06.2014

Website: www.stedelijk.nl/en/

ArtKiss-Besuch: 05.06.2014

ArtKiss-Wertung:
4 Sterne: Sehenswert!

Annette Meincke-Nagy - AnsichtenSeltsam still, ohne jegliche Extrovertiertheit, schauen die Skulpturen von Annette Meincke-Nagy durch den Betrachter hindurch und scheinen im Außen kein Interesse zu haben. Die Büsten wirken wie aus einer eigenen Welt. Zeitlos wandeln sie wie Tagträumer durch die (Kunst-)Geschichte. Es entsteht ein geheimnisvolles, faszinierendes Spiel zwischen Distanz und Präsenz. Vielleicht vermitteln die Arbeiten der Künstlerin auch einen kleinen Blick in unseren eigenen Seelenzustand. Die plastischen Bildfindungen sind eine Hommage an die Schönheit und Würde der menschlichen Erscheinung.

Annette Meincke-Nagy studiert Gesichter in ihrer eigenen Umgebung und führt die Ästhetik alter Meister der Portraitmalerei fort. Die Künstlerin hat bei Almut Heise und Friedrich Einhoff studiert und widmete sich – beeinflusst von ihren Dozenten – plastischen Arbeiten.

Der stilprägende Einfluss ihrer Werke ist auf  die Malerei – Portraits der Renaissance – zurückzuführen. Die Bilder von Simonetta Vespucci beispielsweise sind bekannt und nicht allein Botticelli wurde von ihrer Schönheit und Reinheit inspiriert zu seinen Gemälden. Auch Künstler wie der er Holzbildhauer Katsura Funakoshi oder Max Beckmann inspirieren die Bildhauerin auf unterschiedliche Weise.

Ausstellungsdauer: 30.08.2014 bis 25.10.2014

Website: www.holthoff-mokross.com

ArtKiss-Besuch: 06.09.2014

ArtKiss-Wertung:
4 Sterne: Sehenswert!

Kunstgalerien starten derzeit in die (wichtige) Kunst-Herbstsaison. So auch die CCA&A Gallery, die für wenige Tage ist eine Auswahl ihrer Künstler im Galeriehaus Sprinkenhof in Hamburg präsentiert.  ArtKiss durfte beim sogenannten „Collectors‘ Cocktail“ vorab einen Blick in die Ausstellung „Paintings & Drawings“ des Malers Nicolai Huch werfen.

Nicolai Huch - Nicolai Huch - Paintings and Drawings (Ausstellungsansicht) - Fast Faces, alle Öl auf Leinwand, 40 x 30 cm

Nicolai Huch – Paintings and Drawings (Ausstellungsansicht) –
Fast Faces, alle Öl auf Leinwand, 40 x 30 cm

Von Huch, der sein Studium 2009 als Meisterschüler von Valérie Favre an der UdK abgeschlossen hat, wird ausgewählte Malerei und Zeichnungen präsentiert. Der Künstler reflektiert in seinen expressiven Werken, die oft an die Epoche der Décadence und der schwarzen Romantik erinnern, aktuelle Konflikte und innere Zerrissenheit.

Nicolai Huch - Paintings and Drawings - Last Breath, 2010, Öl auf Leinwand, 230x170 cm

Nicolai Huch – Paintings and Drawings – Last Breath, 2010, Öl auf Leinwand, 230×170 cm

Ausstellungsdauer: 06.-07.09.2014 und 09.-14.09.2014

Website: www.ccaa-gallery.de

ArtKiss-Besuch: 05.09.2014

ArtKiss-Wertung:
4 Sterne: Sehenswert!

Wie im letzten Blog-Post berichtet, durfte ArtKiss beim sogenannten „Collectors‘ Cocktail“ der CCA&A Gallery im Galeriehaus Sprinkenhof in Hamburg vorab einen Blick in die Ausstellung werfen. Unter anderem ist dabei die Skulptur „Golden Goal“ von Ivan Lardschneider aufgefallen:

Man könnte meinen, mit der Skulptur (Lindenholz und Blattgold, 57 cm hoch – Figur 40 cm/Sockel 17 cm) feiert der Italiener Lardschneider den Gewinner der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und Mario Götze. Die für den Künstler typischen Legosteine sind nämlich in den Nationalfarben Deutschlands angemalt. Es heißt, Ivan Lardschneider wurde vom CCA&A-Galeristen Dennis Reinhardt zu diesem Werk inspiriert, der während der WM sagte: „Mach doch mal ein Golden Goal!“. Die Figur steht derzeit als Solist in den Ausstellungsräumen im Sprinkenhof und wirbt für die Berliner Liste, auf der CCA&A vom 18.-21.09.2014 eine Solo-Show („100 Goldene Sachchen“) des Berliner Malers Constantin Schroeder ausstellen wird.

Dem 1976 in Bozen geborenen Künstler Lardschneider wurde die Liebe zur Bildhauerei und zum Werkstoff Holz bereits in die Wiege gelegt.  Auf dem elterlichen Hof war das Schnitzen ein Teil der Alltagskultur. Bei Lardschneider wurde daraus Passion – der Schüler von Aron Demetz stellt seit 2005 seine Werke aus und ist inzwischen international vertreten.

Ausstellungsdauer: 06.-07.09.2014 und 09.-14.09.2014

Website: www.ccaa-gallery.de

ArtKiss-Besuch: 05.09.2014