Kleine Welten. Mikro-Skulpturen von Willard Wigan (Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg)

Veröffentlicht: 1. Januar 2014 in Ausstellung, Museum
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Sie sind so klein, dass man sie einfach einatmen könnte – die Skulpturen des englischen Bildhauers Willard Wigan. Ihm selbst ist das schon passiert. Die Wolkenkratzer, Bäume, Figuren und Märchenszenen sind weniger als 0,005 Millimeter groß. Daher sind in der Ausstellung Mikroskope vorbereitet, damit man die extrem faszinierenden Mini-Kunstwerke sehen und bestaunen kann.

Winzig auch Wigans Usain Bolt, schnellster Mann der Welt, in seiner berühmten Siegerpose. Schon als Kind faszinieren ihn Ameisen, er baut für sie Häuser. Mit Inneneinrichtung. Maßstabsgetreu.

Die Idee zu seinen heutigen Kunstwerken kommt ihm, als er einen Bibelspruch hört: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher ins Himmelreich kommt.“ Das stachelt Wigans Ehrgeiz an. Mit Hilfe eines Mikroskops schafft er am Ende etwas Unglaubliches: Durch sein Nadelöhr passt eine ganze Karawane – neun Kamele aus Teppichfasern. Stillhalten ist hier die größte Gabe – jahrelanges Training die Voraussetzung. Sogar das Echo vom Verkehr draußen kann seine Arbeit beeinträchtigen. Darum zieht er sich an ruhige Orte zurück oder arbeitet nachts. Um seine Mikroskulpturen zu perfektionieren, lernt Wigan Herzschlag und Puls zu kontrollieren. Dafür trainiert er wie ein Spitzensportler. Besonders filigrane Arbeiten erledigt er in den anderthalb Sekunden zwischen zwei Herzschlägen, den Pulsschlag im Finger benutzt er wie einen Presslufthammer. Und nachdem er aus Versehen schon mal Alice (im Wunderland) inhaliert hat, achtet er präzise auf seine Atmung. Er selbst nennt es: „death man working“. Sein Spezialwerkzeug baut er sich selbst – aus Nadeln mit Rubin- und Diamantsplittern. Als Pinsel benutzt der die Wimpern vom äußeren Ende seines Augenlides. Für seine Figuren und Szenerien verarbeitet der 56-jährige Künstler Materialien wie Gold, Teppichfasern, Reste von Nylonetiketten und Kabelbindern. Die Skulpturen erzielen auf dem Kunstmarkt mittlerweile astronomische Preise.

Der Startschuss für die ungewöhnliche Karriere fällt vor über 50 Jahren: Als Wigan mit fünf Jahren in die Schule kommt, hat er es schwer. Er leidet an Legasthenie, wird von Mitschülern und Lehrern gehänselt. Er zieht sich zurück in eine eigene Welt und baut dort für Ameisen ganze Wohnkomplexe mit Mobiliar und Ausstattung. Er glaubt, dass wenn man sein Werk nicht sehen kann, es auch nicht kritisiert werden kann. Oft beschrieben als „nichts“, nimmt sich Wigan vor, der Welt zu zeigen, dass „nichts“ nicht existiert. „Meine Arbeit ist eine Reflexion meiner selbst“, sagt Wigan. „Ich möchte der Welt zeigen, dass die kleinen Sachen die größten Dinge sein können. In der Schule konnte ich mich nicht ausdrücken und ich habe mich wie ein niemand gefühlt. Ich wollte mit dieser Welt experimentieren, die wir nicht sehen können.“ Von da an fesselt ihn die Welt der Miniaturen. Er stellt sich fortwährend neuen Herausforderungen, um Dinge immer noch kleiner zu machen.

In einem TED-Beitrag, der auch in der Ausstellung „Kleine Welten“ gezeigt wird, erklärt Willard Wigan seinen Weg zur Kunst und wie er seine Skulpturen herstellt – sehenswert!


Ausstellungsdauer: 08.12.2013 bis 16.03.2014

Website: www.mkg-hamburg.de

ArtKiss-Besuch: 01.01.2014

ArtKiss-Wertung:
5 Sterne: Ein Muss. Unbedingt anschauen!

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